Partizipation in der Kritik? Zur Inszenierung von Affekten in digitalen Öffentlichkeiten

Interdisziplinärer Workshop

28. – 29. Mai 2026, Georg-Forster-Haus, Halle (Saale)

Organisation: Dr. Simone Jung (Soziologin und Medienwissenschaftlerin, Fellow am Forschungsschwerpunkt „Aufklärung – Religion – Wissen“, Halle) und Prof. Dr. Franziska Heller (Audiovisuelle Medien und digitale Kulturen, Halle)

„Plattform-Populismus”, „digitaler Faschismus”, „partizipative Propaganda”: Die Zuspitzung gegenwärtiger Kulturkämpfe ist nicht ohne mediale Technologien und ihre jeweiligen affektiven Dimensionen zu denken. Davon ausgehend diskutiert der Workshop neue Formen öffentlicher Kritik und deren demokratietheoretischen Implikationen mit einem Fokus auf Medien, Technologie und Affekt. Dabei sollen die spezifischen medialen und (wirkungs-)ästhetischen Bedingungen unterschiedlicher Artikulationsformen sowie deren Effekte auf den politischen Diskurs besondere Berücksichtigung finden. Digitale Plattformen haben neue Möglichkeiten der Partizipation etabliert und zur Pluralisierung öffentlicher Diskurse beigetragen. Zugleich gehen Zeitdiagnosen von einer Fragmentierung und Polarisierung der öffentlichen Sphäre aus. Vor allem die neuen Formen der affektiven Aufladung und emotionalen Involvierung durch die algorithmisch strukturierte Informationsverarbeitung digitaler Plattformen werden als Gefährdung der demokratischen Öffentlichkeit diskutiert. Die Sorge um Öffentlichkeit hat sich mit der globalen Verbindung von politisch-reaktionären Kräften und Tech-Unternehmern verschärft. Etablierte Normen öffentlicher Teilnahme und politischer Auseinandersetzung sind in Frage gestellt.

Vor diesem Hintergrund richtet der Workshop den Fokus auf einen Aspekt, der in politik- und demokratietheoretischen Debatten häufig vernachlässigt wird: die Dimensionen des Affektiven und Medialen von Teilhabeprozessen in gegenwärtigen Öffentlichkeiten. Anhand konkreter Praktiken aus Medien, Populärkultur und Kunst und in Auseinandersetzung mit medien- und demokratietheoretischen Konzepten fragen wir: Unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und mit welchen Effekten wird heute Öffentlichkeit und kritische Teilhabe hergestellt? Welche Rolle spielen Technologien, Medien und Affekte dabei und welche Auswirkungen haben sie auf den politischen Diskurs? Aus normativer Perspektive bedarf insbesondere der Begriff der Partizipation als demokratietheoretischer und liberaler Zentralwert unter den Bedingungen der soziotechnischen Programmierung digitaler Plattformen einer kritischen Reflexion: Wie können öffentliche Räume gestaltet werden, die den hybriden Medienlogiken angemessen sind und (demokratiefördernde) Partizipation ermöglichen? Haben wir es in sozialen Netzwerken mit Formen der Partizipation zu tun, die Inklusion und Gleichheit ermöglichen – oder eher mit dem Anschein einer partizipatorischen Demokratie? Erfordern die neuen, stärker medialisierten und affektiv geprägten Formen der Teilhabe womöglich neue Begriffe und (demokratie-)theoretische Konzepte? Und wie lässt sich die neue Unüberbrückbarkeit von soziotechnischen Prozessen und menschlichen Subjekten für neue (affektive) Formen der Kritik fruchtbar machen?

Ziel ist es, empirische, theoretische, medien- und kulturanalytische sowie normative Perspektiven in einen Dialog bringen. Der Workshop führt Disziplinen aus den Bereichen Philosophie und Politische Theorie, Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaft zusammen und will über Nostalgie und Klage hinausgehen.
PROGRAMM

Donnerstag, 28. Mai 2026

Ort: Literaturhaus Halle, Bernburger Str. 8, 06108 Halle (Saale)

19:00 Uhr
Vortrag und Gespräch mit Wolfgang Ullrich (Leipzig)
Memokratie. Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik

Freitag, 29. Mai 2026

9:15 Uhr: Ankommen & Kaffee
9:30 Uhr: Begrüßung
Prof. Dr. Franziska Heller/Dr. Simone Jung (Medienwissenschaft/Soziologie, Halle):
Zum Ansatz: Inszenierung von Affekten und digitale Öffentlichkeiten

I. Analytische Perspektiven: Ästhetische Wirkmächtigkeiten und Infrastrukturen

09:45 Uhr: Dr. Thomas Scherer (Medienwissenschaft, Frankfurt Oder)
Streitende Bilder im Netz. Audiovisuelle Diskursformationen des Affekts

10:30 Uhr: Vanessa Oberin (Medienwissenschaft, Potsdam)
Rechtes Vibrieren. Die Rolle von Vibe-Content im algorithmischen Faschismus

11:15 Uhr Kaffeepause

11:30 Uhr: Prof. Dr. Fabian Schäfer (Japanologie, Nürnberg)
Konnektivität und Zynismus in digitalen Öffentlichkeiten

12:15 Mittagspause

II. Normative Perspektiven: Politische Interventionen und Demokratietheorie

13:30 Uhr: Prof. Dr. Jennifer Eickelmann (Medienwissenschaft/Soziologie, Hagen)
Die soziotechnische Verfügbarmachung von Körpern und Affekten in der Broligarchie. Über digitale Infrastrukturen, Hegemonien, Gewalt und die Frage nach den Bedingungen ihrer Politisierung

14:15 Uhr: Dr. Dominik Herold (Philosophie, Berlin)
Politik der Körper: Über affektive Demokratie und neue Faschisierungen

15:00 Kaffeepause

15:15 Uhr: Dr. Steffen Krämer (Medienwissenschaft, Konstanz)
Affektive Ansprüche und kollektiver Entzug in hybriden Medienöffentlichkeiten

16:00 Uhr: Abschlussdiskussion
Prof. Dr. Franziska Heller/Dr. Simone Jung (Medienwissenschaft/Soziologie, Halle): Zum Ausblick: Partizipation als/im Affekt in der Kritik?

Call for Papers: Let’s see action! Spielarten performativer Kritik in epochenübergreifender Perspektive — Bewerbungsfrist 20. Mai 2026

19.–21.11.2026
Jahrestagung des Forschungsschwerpunkts „Aufklärung – Religion – Wissen“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Kritik erscheint in vielerlei Gestalt und geht oft über rein sprachliche Formen hinaus. Sie wird geübt und eingefordert, manchmal aber auch zurückgehalten oder nur indirekt geäußert. Sie schafft, abhängig von Zeit und Raum, eigene Formen des Auftritts und spezifische Modi der Erscheinung – etwa signalhaft eröffnend oder ritualhaft erstarrt. Sie besitzt einen gestaltenden, praktischen und performativen Charakter, der sich in konkreten, etwa abweichenden oder übertriebenen Handlungen äußert. Kritik hat auch eine temporale Dimension: Sie entsteht, bringt gegenwärtige normative Vorstellungen zum Ausdruck und verweist visionär auf Zukünftiges. Sie kann verebben und wiederkehren, sie braucht Zeit, sich zu artikulieren und zu entfalten. Und nicht zuletzt: Kritik konfrontiert ein Gegenüber und wirkt besonders vor Publikum.

Prädestiniert für die Auseinandersetzung mit performativen Aspekten der Kritik erscheinen die Kunst- und Medienwissenschaften. Sie interessieren sich für Kritik in Form künstlerischer Handlungen oder Reaktionen und in Form von Manifesten, Demonstrationen und Aktionen – etwa in Institutionen (Akademie, Galerie, Museum), Medien oder Räumen (in der Zeitung, in der digitalen Welt oder direkt auf der Straße). Flugblätter können aus dem Flugzeug abgeworfen, Statements vorgelesen und Vorträge gehalten werden, Kunst kann im Museum beschädigt, Straßen und Plätze können genutzt, besetzt oder blockiert werden. Kritik kann sich gegen andere Künstler:innen und Kunstrichtungen, konkrete Personen (Sponsoren oder Politiker:innen) oder auch gegen Institutionen, Regeln, Unternehmen und schließlich gegen sich selbst richten. Die Frage nach der Performativität und den Inszenierungsformen nähert die Kritik dem künstlerischen Akt an – mit dem oft erhobenen Anspruch auf Irritation und Überraschung, Virtuosität und Innovation.

Diese Beispiele bieten auch für die Geschichtswissenschaft zahlreiche Anknüpfungspunkte. Seitdem die hartnäckige Skepsis gegenüber der Analyse von Körperlichem und Bildlichem unter Historiker:innen Fragen nach Symbolik, Ritual und Ästhetik gewichen ist, spielen performative Aspekte in der historischen Erforschung von Politik, Recht und anderen gesellschaftlichen Feldern eine immer wichtigere Rolle. Der Blick richtet sich also auf historische Formen der Kritik, die in ihrer Performativität weit über das Textuelle hinausreichen. Ein klassisches Medium ist die Karikatur, in der oft ein Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild erzeugt wird. Doch Kritik funktioniert bei klarer Referenz auch ganz ohne Wort – wo käme dies deutlicher zum Ausdruck als im Schweigemarsch? Das historische Reservoir der performativen Kritik formiert sich ständig neu: Sie kann sich durch Ironie und Parodie schützen, in provokativer Kleidung oder nonkonformem Verhalten stecken, durch Collage oder Montage ästhetisch verfasst sein und schockieren, massenmedial multipliziert werden, durch Körperkollektive wirken, in Schauprozessen pervertiert werden, durch Flash-Mobs oder Shitstorms blitzschnell Massen mobilisieren etc.

Gegenstand unserer Tagung sind die differenzierten Praktiken, Spielarten und Kipppunkte performativer Kritik, die den Körper und alle Sinne umfasst. Im Mittelpunkt stehen ihre unterschiedlichen geplanten oder auch spontanen Ausdrucksformen: Wie werden Kritik und Protest bildlich und körperlich geäußert? Welche Öffentlichkeit adressiert sie? Gegen welche Institutionen und Routinen wendet sie sich? Welche Form der Autorität beansprucht sie und welche stellt sie in Frage? Wie unterscheiden sich ihre Formen abhängig vom zeitlichen und räumlichen Kontext? Wie variiert sie abhängig von den jeweiligen soziopolitischen Bedingungen? Welche Symbole und Codes verwenden ihre Akteur:innen, und wie weit reicht ihre Verständlichkeit? Um welche Dimensionen erweitert Performativität die textuelle Kritik und inwieweit besteht ein Spannungsverhältnis zwischen ihnen?

Unser Anliegen ist es, einen fächerübergreifenden Austausch zu initiieren, der neben der Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft unterschiedliche Philologien, die Medienwissenschaften, die Ethnologie, Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie, Islamwissenschaft, Judaistik und andere Disziplinen umfasst. Tagungssprache ist Deutsch; englische Vorträge sind willkommen. Die Kosten für die (innerdeutsche) Reise sowie den Aufenthalt werden übernommen.

Bitte senden Sie ihre Themenvorschläge und einen kurzen CV (beides zusammen max. eine Seite) bis zum 20. Mai 2026 an:
yvonne.kleinmann@geschichte.uni-halle.de und olaf.peters@kunstgeschich.uni-halle.de.

Literaturwissenschaft als Kritik?

Ein Workshop zu John Guillorys Professing Criticism
30. Januar 10-17 Uhr, Georg-Forster-Haus

Seit einigen Jahren gibt es in den Literaturwissenschaften, vor allem im englischsprachigen Raum, aber auch beispielsweise in Frankreich, eine Debatte um ,Kritik‘ und ihre Rolle für das Selbstverständnis der Literaturwissenschaften. Die Debatte betrifft das Verhältnis von (Literatur-)Kritik und Literaturwissenschaft, Fragen von Literatur und Öffentlichkeit, und nicht zuletzt den Anspruch der Literaturwissenschaft auf gesellschaftliche und politische Wirksamkeit und Relevanz, mit anderen Worten, ihren Anspruch, eine kritische Instanz gesellschaftlicher Selbstreflexion zu sein. So legitim eine solche Ambition scheinen mag, so fraglich ist indes, ob und wie die Literaturwissenschaften sie einlösen.

Im anglophonen Raum wurden vor nunmehr zehn Jahren in einem viel rezipierten Buch der australischen Literaturwissenschaftlerin Rita Felski auf die Grenzen der Kritik – The Limits of Critique hieß ihr Buch (University of Chicago Press, 2015) – bzw. einer sich vor allem als ,kritisch‘ verstehenden Literaturwissenschaft hingewiesen. Felski und ihre Mitstreiterinnen plädierten dafür, Literatur wieder in ihren positiven, ja affirmativen Funktionen für Leser und Leserinnen in den Blick zu nehmen und so die Distanz zwischen Literaturwissenschaft und einer außerakademischen Leserschaft zu überbrücken.

Die jüngste Intervention in die Debatte um Grenzen und Potentiale einer sich als kritisch und damit auch politisch verstehenden Literaturwissenschaft stammt von dem amerikanischen Anglisten John Guillory. In Professing Criticism (University of Chicago Press, 2022) zeichnet er zum einen die Etablierung der Literaturwissenschaft als akademischer Disziplin nach: ihre Entstehung aus, aber auch Abgrenzung von der Literaturkritik, ihr Verhältnis zu Vorgängern wie Philologie und Belles Lettres, sowie zu Alternativen wie beispielsweise die Literaturgeschichtsschreibung. Zum anderen fragt Guillory nach dem Wandel des Literaturbegriffs, nach der Herausforderung der Disziplin durch die Erweiterung ihres Gegenstands zu ,Weltliteratur‘ und schließlich nach den Möglichkeiten und Ansätzen, die Kluft und Entfremdung zwischen der akademischen und nicht-akademischen Auseinandersetzung mit Literatur zu überwinden.

Im Workshop werden einzelne Aspekte von Guillorys Studie vorgestellt und kritisch diskutiert. (Professing Criticism sollte als E-Book über den Bibliothekskatalog der Universität zugänglich sein. Einzelne Kapitel sind auf Anfrage erhältlich. Kontakt: robert.buch@germanistik.uni-halle.de)

Freitag, 30. Januar 2026

Ort: Georg-Forster-Haus, Emil-Abderhalden-Straße 7a, 06108 Halle (Saale)

10.00-12.00

Robert Buch (Halle), Kritik als Beruf/Bekenntnis zur Kritik (Kapitel 2: Professing Criticism)

Jenny Willner (München), Kritik und Postkritik (Kapitel 3: Critique of Critical Criticism)

Mittagspause

13.15-15.15

Daniel Weidner (Halle), Philologie und Belles Lettres als ,gescheiterte‘ Vorläufer der Literaturwissenschaft (Kap. 6 Two Failed Disciplines: Belles Lettres and Philology)

Jobst Welge (Leipzig), Das Curriculum dekolonisieren und die Frage transnationaler Literatur (Kap. 8, The Contradictions of Gobal English)

Kaffeepause

15.30-16.30

Erika Thomalla (München), Naives Lesen? (Kap. 12 The Question of Lay Reading)

16.30-17.00 Abschlussdiskussion

Simone Jung

Simone Jung ist Soziologin und lehrt an der Fakultät Kulturwissenschaften sowie am College der Leuphana Universität Lüneburg. Dort war sie für die Projekte »Debattenkulturen – Rhetorik – Performanz« und »Öffentlichkeiten zwischen Fakt und Fiktion« mitverantwortlich und koordinierte das Komplementärprofil »Debattenkulturen und Kritik«. Sie studierte Publizistik, Soziologie und Kunstgeschichte in Mainz, Lüneburg und Bologna und promovierte am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Universität Hamburg mit einer Arbeit zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart. Außerdem lehrte sie an der Universität Graz, der Universität der Künste Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Universität Paderborn und arbeitete als Kulturjournalistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. In ihrer Forschung verbindet Simone Jung medien- und kultursoziologische Perspektiven mit Politischer Theorie und Affekttheorie. Ein besonderer thematischer Fokus liegt dabei auf Kulturen der Kritik und Öffentlichkeit sowie sozialen Transformationen und Kulturkonflikten. Seit Oktober 2025 ist sie Forschungsstipendiatin am Forschungsschwerpunkt Aufklärung – Religion – Wissen mit dem Projekt „Gefühlte Öffentlichkeiten. Debatten, Medien, Affekte“.

Forum Literatur und Religion: Kritik der Religion. Literatur als Medium der Religionskritik

Organisiert von Florian Scherübl und Daniel Weidner
11. und 12. September 2025, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Religionskritik ist heute ein wenig aus der Mode gekommen – und das ist nicht neu. Schon Karl Marx´ Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie beginnt mit ihrer Verabschiedung: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt“. Marx setzt allerdings fort „und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Dabei ist „Voraussetzung“ hier nicht nur im historischen Sinn zu verstehen. Kritik überhaupt gibt es nach der Kritik der Religion und sie ist ‚wie‘ die Kritik der Religion. Dabei treten Kritik und Religion in ein komplexes Verhältnis. Letztere ist selbst nicht einfach Gegenstand der Kritik, sondern so etwas wie ihr Vorläufer: Religion ist für Marx nicht nur „Opium des Volkes“, sondern auch „Seufzer der bedrängten Kreatur“. „Kritik der Religion“ ist damit nicht nur Kritik an der Religion, sondern auch Kritik der Religion am Elend. So entsteht ein komplexes Feld von Verschiebungen und Inversionen. In ihm situieren sich die verschiedenen Metaphern der Kritik: das Opium und der Seufzer, später der Fetischismus und die verkehrte Welt.
Die diesjährige Summer School Literatur und Religion nimmt dieses Feld zum Anlass, um über das Verhältnis von Religion und Literatur im Zeichen der Kritik nachzudenken. Wir laden junge ForscherInnen ein, ihre Projekte – Dissertationsvorhaben, Postdoc-Projekte und andere Ideen – in diesem Kreis gemeinsam zu diskutieren. Dabei soll vom doppelten Genitiv ausgegangen und eine Kritik an der Religion ebenso wie die Kritik durch die Religion thematisiert werden. Hier interessieren die rhetorischen Inversionen, Kontrapositionen, Metaphern und Narrative, mit denen Kritik gedacht und erzählt wird. Dabei ist davon auszugehen, dass das Verhältnis von Schein und Wirklichkeit, von Fiktion und Realität auch eminent etwas mit der Literatur zu tun hat oder umgekehrt: dass sich Literatur in der Konstellation von Religion und Kritik produktiv lesen lässt.

Teilnahme — für interessierte Nachwuchsforschende — nur nach Anmeldung per Email: florian.scheruebl@germanistik.uni-halle.de

PROGRAMM SUMMER SCHOOL LITERATUR UND RELIGION 2025: RELIGIONSKRITIK

Donnerstag, 11. September 2025

10:00 – 10.30: Begrüßung
10.30 – 11:30: Gemeinsame Lektüre: Karl Marx, Einleitung in die Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie
11:30 – 12:30: Nicolas Fink (Basel), Streitpunkte
12:30 – 13.30: Luise Henckel (Halle), Aufklärung und Verhängnis. Verhandlungen von Partikularität und Universalismus im Rahmen der ‚Judenfrage‘ im 19. Jahrhundert“
13.30 – 14.30: Mittagspause
14:30 – 15.30: Anne Ramin (Berlin), Laikale Wahrheitsansprüche. Apokryphe Konzeptionen in frühneuhochdeutschen Prosaerzählungen des 16. Jahrhunderts
15.30 – 16:30: Thomas Heubeck (Leipzig), Religionskritik in Walter Benjamins Kafka-Deutung

16:30 – 17:00: Kaffeepause

17:00 – 18.00: Gemeinsame Lektüre: Karl Barth, Der Römerbrief (1922)

Freitag, 12. September 2025

09:30 – 10.30: Isabell Meske (Hannover), Der gute Gott als leeres Konstrukt zwischen mystisch-biblischer Sprachform und im Passionsformat gesetzter Religionskritik nach 1945. Ingeborg Bachmanns Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“
10:30 – 11:30: Jan Andreas Hartmann (Berlin), Klaus Heinrichs „Der Staub und das Denken“. Was die Sophokleische Tragödie über das Bedürfnis nach Religionskritik verrät
11:30 – 12:00: Kaffeepause
12:00 – 13:00: Kilian Thomas (Leipzig), Konversion und Kritik
13:00 – 14:00: Mittagspause
14.00 – 15.00: Benjamin Schmid (München), „Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, und Fluch vor allem der Geduld!“ Dromologischer Kannibalismus als Nebenfolge von Religionskritik
16.00 – 16.00: Gemeinsame Lektüre: Georges Bataille, Theorie der Religion

Olaf Peters

© Antje Seeger

Olaf Peters ist seit 2006 Professor für die Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Besondere Schwerpunkte sind die Kunsttheorie und die Geschichte der Kunstgeschichte, die deutsche Kunst im 20. Jahrhundert, das Verhältnis von Kunst, Geschichte und Politik. Gegenwärtige Forschungsinteressen sind die Kunst im Dritten Reich und die europäischen Kunstdiskurse nach 1945 unter dem Stichwort Postwar Futures Europe 1945–65.

Forschungsstipendium ‚Kritik im Widerstreit‘

Der geistes- und kulturwissenschaftliche Forschungsschwerpunkt Aufklärung – Religion – Wissen (ARW), der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angesiedelt ist, schreibt zum 1.10.2025 ein einjähriges Forschungsstipendium für Postdocs zum Thema ‚Kritik im Widerstreit‘ aus.

Der Forschungsschwerpunkt widmet sich der historischen Aufklärung und ihrem Fort- und Nachleben bis in die Gegenwart, deren Selbstverständnis durch eine Vielzahl von Vorstellungen und Begriffen geprägt ist, die auf die Aufklärung zurückgehen. Dazu gehört nicht zuletzt das Konzept der „Kritik“, das in der Aufklärung erstmals emphatisch formuliert wurde, lange das Selbstverständnis der Geistes- und Kulturwissenschaften prägte und aktuell wieder intensiv diskutiert wird – und zwar gerade in seinen politischen Implikationen. Denn Kritik ist immer zugleich eine Form der Wissensproduktion und eine politische Praxis – und in dieser Verbindung so zentral wie prekär mit dem demokratischen Zusammenleben verbunden. Die aktuell vielfach diskutierte Krise der Demokratie, so die Annahme des Schwerpunkts, ist daher auch eine Krise der Kritik und zugleich der richtige Moment, nach deren Form und Status zu fragen. In diesem Zusammenhang steht auch das hier ausgeschriebene Stipendium.

Wo steht Kritik heute, was vermag sie noch und wie muss man sie anders denken? Welche Praxisformen verbinden sich mit ihr, was bedeutet sie in verschiedenen Feldern – der Politik, der Kunst, der Öffentlichkeit –, wie verschiebt sie sich unter neuen medialen Bedingungen und welche politische Bedeutung hat sie dabei jeweils? Denn gerade heute steht die Kritik selbst in der Kritik: Sie sei elitär, erschöpft und überholt, verteidige partikulare Interessen und diene mehr der Selbstinszenierung als der Sache. Besonders beunruhigend erscheint dabei, dass kritische Argumente scheinbar problemlos von ihren Gegnern angeeignet werden: Heute werden im Namen der ‚Freiheit‘ Denkverbote, im Namen der ‚Gleichheit‘ Ausschlüsse und im Namen der ‚Kritik‘ fragwürdige Dogmen verkündet. Was bleibt von der Kritik, wenn man sie nicht ganz aufgeben will, aber den Glauben an eine „Kritik der kritischen Kritik“ (Marx) aufgegeben hat? Viele der Hintergrundannahmen der aufklärerischen Kritik scheinen nur noch bedingt tragbar: ihre Identifizierung mit der Vernunft, die Bezeichnung aller möglicher nicht nur intellektueller Tätigkeiten als Kritik, die selbstverständliche Voraussetzung, kritisches Denken und kritisches Handeln würden koinzidieren. Insbesondere ihre politischen Voraussetzungen und ihre reflexhafte Identifizierung mit der liberalen Demokratie und der deliberativen Öffentlichkeit erscheinen angesichts der Neigung zu Polemik, Hyperkritik und Skandalisierung fraglich. Was kann an deren Stelle treten, wie und wo werden die Grenzen und Möglichkeiten der Kritik verhandelt und welche neuen Formen der Kritik werden dabei entworfen?

Das Stipendium soll dazu dienen, gemeinsam mit anderen in ARW beteiligten Wissenschaftler*innen politische Figurationen der Kritik zwischen Vereinnahmung und Verabschiedung zu untersuchen und zu diskutieren. Bewerber*innen sollten ein wissenschaftliches (auf eine Aufsatzpublikation zielendes) Projekt vorschlagen und in diesem Rahmen eine wissenschaftliche Veranstaltung ausrichten und organisieren; auch begleitende Formate wie Lesungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Führungen etc. sind denkbar und im Rahmen von ARW-Mitteln finanzierbar.

Das Stipendium beträgt € 2.200,- monatlich, zzgl. evtl. Familienzuschläge. Ein Arbeitsplatz wird zur Verfügung gestellt; Sachmittel zur Durchführung o.g. Veranstaltungen oder Publikationen sind vorhanden. Die Ausschreibung erfolgt vorbehaltlich haushaltsrechtlicher Beschränkungen.

Eingeladen zur Bewerbung sind promovierte Wissenschaftler*innen aus den Geistes- und Kulturwissenschaften mit besonderem Interesse an politischer Theorie. Bitte reichen Sie Motivationsschreiben, Lebenslauf, Publikationsverzeichnis sowie ein kurzes Exposé von ca. drei Seiten ein, das Ihren Zugriff auf das Thema skizziert und eine mögliche Veranstaltung entwirft. Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung bis zum 28.6. an margitta.drosdziok@arw.uni-halle.de. Weitere Informationen bei robert.buch@arw.uni-halle.de.

Jenseits des Gerichtshofs: Alternative Imaginationen moderner Öffentlichkeit, 20.–22. November 2025

Jahrestagung des Forschungsschwerpunktes „Aufklärung – Religion – Wissen“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Organisiert von Theo Jung und Daniel Weidner

Ort: Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Franckeplatz 1, Haus 54.

Seit einigen Jahren ist wieder vermehrt von der Krise der Öffentlichkeit die Rede. Filterblasen und Fake News, enthemmte Beschimpfungen und Cancel Culture werden als Symptome eines Zerfalls, einer Auflösung oder Funktionsstörung von Öffentlichkeit diskutiert – freilich auch selbst in der Öffentlichkeit diskutiert, die hier gewissermaßen über sich selbst zu Gericht sitzt. Doch was ist diese Öffentlichkeit eigentlich? Wie stellen wir sie uns vor, wie beschreiben wir sie und welche Folgerungen ziehen wir daraus? Die aktuelle Krisendiagnose bietet Anlass für eine kritische Genealogie, denn das Gefühl der Krise könnte nicht zuletzt auch darauf beruhen, dass bestimmte, langfristig tragende Imaginationen der Öffentlichkeit heute brüchig geworden sind. Ein solcher Moment lädt zu neuen Reflexionen ein über die Frage, was Öffentlichkeit war, ist und sein könnte – und verweist dabei auch auf Spuren, die seit der Konstitutionsphase moderner Öffentlichkeiten gelegt, aber nicht weiterverfolgt wurden.

Donnerstag 20.11.202

18:15 Keynote (Achtung, anderer Ort: Steintor-Campus Hörsaal II)
Lucian Hölscher: Die Ethik der Öffentlichkeit

Freitag, 21.11.2025

Ort: Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Franckeplatz 1, Haus 54.

9:00
Theo Jung (Halle): Begrüßung

9:15 Panel 1
Nils Kumkar (Bremen): Die Öffentlichkeit und ihre Wirklichkeit
Simone Jung (Lüneburg/Halle): Zwischen Pluralisierung und Polarisierung. Zur Rolle von Affekten in hybriden Öffentlichkeiten

11:15 Kaffeepause

11:45
Yvonne Kleinmann (Halle): Vom ‚allgemeinen Wesen‘, von ‚Volk‘, ‚Nation‘, ‚Landsleuten‘ und ‚Werktätigen‘. Die Adressierung von Öffentlichkeit in polnischen Verfassungstexten

12:45 Lunch

14:00 Panel 2
Robert Fajen (Halle): Kritik der Zwischenzone. Imaginationen der Vermengung und Trennung von privatem und öffentlichem Leben in der venezianischen Komödie des 18. Jahrhunderts
Patrick Primavesi (Leipzig): Öffentlichkeit als Schauspiel, Spektakel und Inszenierung

16:00 Kaffeepause

16:30 Panel 3
Uta Lohmann (Hamburg): Versuch über die fragmentierte Öffentlichkeits-vorstellung jüdischer Aufklärer
Christian Harun Maye (Basel): Inszenierungen von Öffentlichkeit im Salon um 1800

Samstag, 22.11.2025

Ort: Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Franckeplatz 1, Haus 54.

9:00
Daniel Weidner (Halle) : Zwischenstand

9:15  Panel 4
Elke Dubbels (Bonn): Fest, flüssig, luftartig. Ferdinand Tönnies’ Theorie von den Aggregatzuständen der „ö/Öffentlichen Meinung“
Kirk Wetters (Yale): Hinter geschlossenen Türen. Der Rückzug des Dialogs aus der Öffentlichkeit

11:15 Kaffeepause

11:30 Panel 5
Rieke Trimçev (Halle): Der Souverän schläft nicht. Wachsamkeit als Imagination kritischer Öffentlichkeit
Daniel Fulda (Halle): Kann Berühmtheit Öffentlichkeit erzeugen? Soziale Imaginationen von Voltaire als Beispiel

13:30 Lunch

14:15 Panel 6
Silke Fürst (Zürich): Öffentlichkeit im Zerrspiegel. Konstruktionen von Radiosucht und -panik im Lichte neuerer Debatten zu digitalen Medien
Stephan Pabst (Halle): Das Theater der Öffentlichkeit. Milo Raus ‚Kongo-Tribunal‘

16:15 Ende der Tagung

«Zwangloser Zwang» oder literarische «Vernichtung»? Aufklärung, Öffentlichkeit, Polemik, 10.7.2025

Workshop am IZEA (Halle)
Organisiert von Demian Berger und Daniel Weidner

Bekanntlich situieren sich die Briefe, die neueste Literatur betreffend im Kontext des Siebenjährigen Krieges: Als Briefe an einen verwundeten Offizier vorgestellt, greifen sie selbst gerne zu bellizistischen Metaphern und inszenieren sich als «Streitgespräche» oder literarische «Feldzüge». Die literarische Öffentlichkeit, zu deren Entstehung sie entscheidend beitragen, changiert daher von vornherein zwischen einer angenommenen Allgemeinheit des Publikums – jetzt nicht mehr der gelehrten, sondern der gebildeten Welt – und den scharfen Grenzen und Ausschlüssen, die polemisch gezogen werden. Diese Spannung – gewissermaßen die Spannung von Vernunft und Gewalt – wird oft mit dem polemischen Geist Lessings assoziiert, reicht aber viel weiter. Schon sein Nachfolger Thomas Abbt setzt den kämpferischen Duktus der Literaturbriefe fort. Abbt, Professor für Philosophie und Mathematik, Schüler der Baumgarten-Brüder und Georg Friedrich Meiers, war mit einer patriotischen Kriegsschrift berühmt geworden und arbeitete später an einer allgemeinen Theorie des Publikums – und verkörperte gerade deshalb für Nicolais Organ die Idealbesetzung, auch als Polemiker. Mit den «ganz schlechten Schriftstellern», heißt es in einer von Abbts Rezensionen, werde er sich nicht abgeben, «aber unter den schlechten stehen noch die elenden; und wann einer von diesen (der Himmel gebe, dass es nur einer sey) etwas drucken lässt, und gerade so viele Leser erhält, als ihn bewegen kann, auch noch einen zweyten Theil zum Druck zu befördern; so verdient der Mann bemerkt zu werden, nicht um ihn zu bessern, sondern um seine Leser zu beschämen.“ Der Workshop nimmt die Konstellation der Literaturbriefe und den heute in der Forschung wenig beachteten Abbt im Besonderen zum Ausgangspunkt um nach der Rolle und Funktion der Polemik in der Konstitution aufklärerischer Öffentlichkeit zu fragen.

Programm
14-15:30
Demian Berger (Zürich): Zum Verhältnis von Aufklärung und Polemik. Am Beispiel der Literaturkritik Abbts
Jakob Heller (Halle): „Wenn unsere Weltweisen die Schuletiqutte vergessen“. Zum Verhältnis der Literaturbriefe zur universitären Kritik.

16-17:30
Oliver Grütter (Zürich): Kontroverser Ciceronianismus: Heinze, Abbt und Herder
Na Schädlich (Halle): Übungsgelände der Stilkritik. Wolf, Schopenhauer und Nietzsche über Polemik in der deutschen Spätaufklärung

18:00-19:00
Daniel Weidner: Federkriege, Kritik und Polemik im Rahmen der ‚aufgeklärten Öffentlichkeit‘
Abschlussdiskussion

Zukunftsorte, 24.6.2025

Workshop, organisiert von Christian Drobe
Georg Forster Haus, Emil Abderhalden Str. 7a
Im Rahmen der Seminarreihe „Imaginationen der Zukunft“

 Die ‚Zukunft‘ wie wir sie heute kennen, begann sich als Kategorie seit dem späten 18. Jahrhundert konzeptionell auszudifferenzieren. Kosellecks Diagnose der Kollektivsingulare trifft auch hier zu und ermöglicht eine Untersuchung der verschiedenen geschichtsphilosophischen Konzepte, die seither den Begriff füllen. Diese Vorstellungen sollen im Workshop in Schwerpunkt in Richtung einer Topographie verschoben werden: Auch Zukünfte sollen ortsgebunden und spezifisch gedacht werden.

Die Idee der Zukunftsorte lehnt sich an Pierre Noras Konzept der Erinnerungsorte an und greift auf Überlegungen von Alexander Geppert und Tilman Siebeneicher zurück. Sie bezeichnet zunächst konkrete Orte die sich im Alltag der Menschen manifestierten und der gleichzeitig imaginative Räume eröffneten, in denen Zukunft ausgehandelt wird und wurde. Dabei scheinen sie im Gegensatz zu Erinnerungsorten zunächst eher physisch konkret und nicht metaphorisch zu funktionieren Aber sie legen auch eine sinnliche Begegnung mit der Zeit und der Zukunft nahe. An ihnen kreuzen sich Zukunftsvorstellungen mit technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen, beide materialisieren sich in Räumen und Objekten, und sie haben selbst wieder eine Geschichte und werden zu Orten vergangener Zukunft. Zukunftsorte sind in diesem Sinne Orte des Zukunft-Machens, an denen die Zukunft als Ergebnis zutage tritt und an denen weitere Aushandlungen von Zukunft initiiert werden können.

Programm

14:00 Uhr Begrüßung NN

14:15 Uhr

Stefan Willer: „Aussicht, Übung, Divination. Zukunftskonzepte bei Schleiermacher“

15:00 Uhr

Rüdiger Graf: „Krise, Sicherheit und Risiko. Zur Topologie zentraler Zukunftsbegriffe im 20. und 21. Jahrhundert“

15:45 Uhr: Kaffeepause

16:15 Uhr

Lucian Hölscher: „Präsentische Zukunftsbegriffe der letzten Jahrzehnte“

17:00 Uhr

Abschlussdiskussion & Fragenkatalog

18:30 Uhr: Gemeinsames Abendessen