Ausschreibung: Forschungsstipendium 2026-27 ‚Gemeinsinn zwischen Ästhetik und Politik‘.

Der geistes- und kulturwissenschaftliche Forschungsschwerpunkt Aufklärung – Religion – Wissen (ARW), der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angesiedelt ist, schreibt zum 1.10.2026 ein einjähriges Forschungsstipendium für Postdocs zum Thema ‚Gemeinsinn zwischen Ästhetik und Politik‘ aus.

Der Forschungsschwerpunkt widmet sich der historischen Aufklärung und ihrem Fort- und Nachleben bis in die Gegenwart, deren Selbstverständnis durch eine Vielzahl von Vorstellungen und Begriffen geprägt ist, die auf das 18. Jahrhundert zurückgehen. Dazu gehören auch die verschiedenen Versuche der Aufklärung, die auf die Antike zurückgehende Idee des sensus communis durch Konzepte wie Gemeinsinn, bon sens und common sense zu reformulieren, um die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu denken. Sind solche Vorstellungen heute noch tragfähig oder ist der Ruf nach Gemeinsinn in pluralen und sich polarisierenden Gesellschaften hoffnungslos antiquiert? Was kann heute als Gemeinsinn gelten und welche historischen Traditionen wirken in gegenwärtigen Beschwörungen des Gemeinsinns fort? Welche gesellschaftlichen und politischen Erwartungen knüpfen sich an den Begriff, und wo sind die Grenzen des common sense?

Gegen die Idee des Eigennutzes setzt Gemeinsinn gegenseitige Verständigung, intuitive Nachvollziehbarkeit und quasi reflexhafte Zustimmung. Für die Denker der Aufklärung wie Shaftesbury, Vico, Herder und Kant erschien er eigentümlich unbeirrbar, war nicht erlernbar und widersetzte sich der Bevormundung. Seine Verbindlichkeit war die eines Gefühls, eines als geteilt angenommenen Geschmacks. Gerade diese Selbstverständlichkeit, ja vermeintliche Natürlichkeit läuft allerdings Gefahr, die eigenen blinden Flecken und Vorurteile zu übersehen, und impliziert eine unmittelbare Gemeinschaft, die kaum ohne Exklusionseffekte zu denken ist. Tatsächlich war der common sense auch schon in der Aufklärung hochgradig umstritten: Während er manchen Kritikern als irrtumsanfällige Neigung zum Vorurteil erschien, so galt er anderen als unabdingbar für das selbstdenkende Individuum und dessen Fähigkeit, andere Standpunkte einzunehmen.

Wie lässt sich die komplexe Geschichte dieser Vorstellung heute fruchtbar machen und verstehen? Wie verhält sie sich etwa zu verwandten Ideen wie der Solidarität, der Anerkennung, des Respekts, wie zu konträren wie dem Individualismus oder Pluralismus? Wo und wie ließ und lässt sich Gemeinsinn erfahren, welche Institutionen und Kommunikationsformen verbanden und verbinden sich mit ihm? Welche Rolle spielen Ethik und Moral, und was trägt insbesondere die ästhetische Erfahrung bei, die bei Kant der privilegierte Ort des sensus communis ist? Kann etwa die programmatisch mit dem geläufigen Geschmack brechende Kunst der Moderne noch gemeinschaftsstiftende Effekte erzeugen und wie verhält sich die Idee einer „volksnahen Kunst“ dazu? Lassen sich auch Konflikte und Dissens als Quelle von Gemeinsinn denken, oder bleibt die Rede vom Gemeinsinn notwendig eine Konsensfiktion? Können solche Formeln, die angesichts der Krise der Demokratie fast routinemäßig aufgerufen werden, heute noch funktionieren, oder ist es umgekehrt so, dass auch moderne Gesellschaften hier etwas voraussetzen, auf das zu wenig reflektiert wird? Sind Appelle an den ,gesunden Menschenverstand‘ notgedrungen populistisch, oder lassen sich ein demokratischer und ein autoritärer Gemeinsinn unterscheiden?
Das Stipendium soll dazu dienen, gemeinsam mit anderen in ARW beteiligten Wissenschaftler*innen zu untersuchen, ob, wo und wie Gemeinsinn und die verwandten Konzepte gegenwärtig oder auch historisch funktioniert haben. Bewerber*innen sollten ein wissenschaftliches (auf eine Aufsatzpublikation zielendes) Projekt vorschlagen und in diesem Rahmen eine wissenschaftliche Veranstaltung ausrichten und organisieren; auch begleitende Formate wie Lesungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Führungen etc. sind denkbar und im Rahmen von ARW-Mitteln finanzierbar.

Das Stipendium beträgt € 2.200,- monatlich, zzgl. evtl. Familienzuschläge. Ein Arbeitsplatz wird zur Verfügung gestellt; Sachmittel zur Durchführung o.g. Veranstaltungen oder Publikationen sind vorhanden. Die Ausschreibung erfolgt vorbehaltlich haushaltsrechtlicher Beschränkungen.

Eingeladen zur Bewerbung sind promovierte Wissenschaftler*innen aus den Geistes- und Kultur- und Sozialwissenschaften. Bitte reichen Sie Motivationsschreiben, Lebenslauf, Publikationsverzeichnis sowie ein kurzes Exposé von ca. drei Seiten ein, das Ihren Zugriff auf das Thema skizziert und eine mögliche Veranstaltung entwirft. Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung bis zum 15. Juli 2026 margitta.drosdziok@arw.uni-halle.de. Weitere Informationen bei robert.buch@arw.uni-halle.de.

Zukunftsorte

‚Zukunftsorte‘ verstehen sich in Anlehnung an Pierre Noras Konzept der Erinnerungsorte, das sowohl konkrete, traditionsbildende Orte umfasst wie auch bestimmte Topoi und moderne Mythen, aus denen sich das kollektive Erinnern speist und an denen es immer wieder neu entsteht. Dementsprechend sind ,Zukunftsorte‘ diejenigen Stellen in der Wirklichkeit, in der Zukunft imaginiert und verhandelt wird. Denn Zukunft ist ja nicht einfach gegeben, sondern wird permanent hergestellt, verhandelt, neu austariert in Appellen und Prognosen, in Wünschen und Ängsten, mit Bildern und HanPlätzen, Projekten, Aktionen, an Namen und Ideen, Versprechen und Vorhersagen. Manchmal sind es Orte, die von vornherein emphatisch Zukunft entwerfen, die das Morgen schon hier und heute vorwegnehmen, die Heilserwartungen inszenieren oder Schrecken an die Wand werfen. Manchmal wächst solchen Orten ihre Zukunft erst im Nachhinein zu, und erst im Rückblick erkennen wir in ihnen den Anfang des Neuen. Immer sind es Orte, an denen Besetzungen und Gegenbesetzungen, Erzählungen und Bilder der Zukunft aufeinandertreffen und miteinander in Dialog treten – einen Dialog, den man beobachten, aber auch fortführen kann, denn jeder dieser Orte kann auch selbst wieder weitere Ideen von Zukunft generieren. Als prominentes Beispiel eines solchen Ortes sei Halle-Neustadt genannt, zu dem es im Wintersemester 2024/25 ein studentisches Projektseminar an der MLU gab. Im Sommersemester 2025 wird das Projekt fortgesetzt, einen ersten Einblick gibt es hier.

Post-Doc-Projekt zum Thema „Gefühlte Öffentlichkeiten. Debatten, Medien, Affekte“

Neues Post-Doc-Projekt zum Thema „Gefühlte Öffentlichkeiten. Debatten, Medien, Affekte“

Ausgehend von den Zeitdiagnosen der Fragmentierung und Polarisierung erforscht die ARW-Forschungsstipendiatin für das Jahr 2025-26 Dr. Simone Jung die Komplexität hybrider Öffentlichkeiten anhand aktueller Kulturdebatten. Digitale Plattformen haben alternative Formen der Partizipation hervorgebracht, die mit einer deliberativen Perspektive und ihrer Krisendiagnostik nicht vollständig zu erfassen sind. Diese Sichtweise vernachlässigt die Eigenlogik digitaler Medien und die Ambivalenz von Affekten für die Herstellung von Öffentlichkeit. Davon ausgehend nimmt das Projekt einen Perspektivwechsel vor und rückt die medialen Infrastrukturen und ihre Konsequenzen für den politischen Diskurs in den Fokus: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Verfahren wird heute Öffentlichkeit zwischen traditionellen Medien und sozialen Netzwerken hergestellt? Und welche Effekte ergeben sich für die demokratische Praxis, wenn Vernetzungsprozesse und Affizierungslogiken eine größere Rolle spielen? Auf Basis von Fallstudien und in Auseinandersetzung mit Politischer Theorie sowie Affekt- und Emotionsforschung soll eine alternative Zeitdiagnose entwickelt und normative Anforderungen an Öffentlichkeit erörtert werden.

Masterstudiengang Kulturen der Aufklärung

Der Master-Studiengang Kulturen der Aufklärung wurde vom Forschungsschwerpunkt „Aufklärung – Religion – Wissen“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg konzipiert, ist am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) und wird von Professorinnen und Professoren der Theologischen Fakultät sowie der Philosophischen Fakultäten I, II und III getragen.

Er beschäftigt sich mit den Konzepten udn Deutungsmustern der Moderne, die in der Epoche der Aufklärung entstanden und noch unsere Gegenwart und deren Debatten um die Zukunft des westlichen Gesellschaftsmodells in einer globalisierten Welt prägen. Aufklärung erscheint dabei ein spannungsreicehr PRozess: Indem die traditionellen Ordnungen des Handelns, Glaubens und Wissens ihre Selbstverständlichkeit verloren, öffneten sich neuartige Freiräume für die menschliche Welterkenntnis und Weltgestaltung. Seitdem gilt es als Aufgabe der Gesellschaft wie jedes einzelnen, selbst über sich und die eigene Zukunft zu entscheiden. Besonderes GEwicht liegt dabei auf dem professionellen Umgang mit den jeweils fachspezifischen Methoden und auf der Erkundung praktischer Berufsfelder. Beteiligt sind die Fächer Philosophie, Theologie, Geschichte, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik, Anglistik, Germanistik, Slavistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Musikwissenschaft sowie Pädagogik. Mehr Inforamtionen finden sich hier.