Multiple Secularities in der Diskussion.

Präsentation und Diskussion
Gäste: Christoph Kleine, Monika Wohlrab-Sahr (beide Universität Leipzig)
30.10.2026, 14:00-17:30
Seminarrraum des IZP, Franckesche Stiftungen, Haus 24 

Die Kollegforschergruppe „Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities“ hat von 2016 bis 2024 untersucht, sie in verschiedenen Kontexten und Regionen auf verschiedene Weise das Verhältnis von religiösen und nicht-Religiösen Praktiken, sophialen Sphären, interpretativen RAhmen, Institutionen und Diskursen jeweils anders und spezifisch gezogen werden: Wie verschiedene „Säkularitäten“ erzeugt werden, deren Untersuchung zeigt, dass „Säkularisierung“ keineswegs ein Kennzeichen des „WEstens“ oder der „Moderne“ ist und dass sie erst in der Vielzahl ihrer Formen verstanden werden kann. Die Ergebnisse dieser Foschungen sind jetzt in „Global Secularity. A Sourcebook“ erschienen. Zwei der HerausgeberInnen stellen den Band vor und diskutieren die Relevanz und Anschlussfähigkeit der Ergebnisse mit uns.

14:00-15:30
Vorstellung des Buches durch Christoph Kleine und Monika Wohlrab-Sahr

15:30
Kaffepause

16:00-17:30
Respondenzen: Säkualrisierung als Nicht-Religion (Daniel Cyranka),
Säkularisierung als Figur und Erzählung (Daniel Weidner)

Forum Literatur und Religion: Kritik der Religion. Literatur als Medium der Religionskritik

Organisiert von Florian Scherübl und Daniel Weidner
11. und 12. September 2025, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Religionskritik ist heute ein wenig aus der Mode gekommen – und das ist nicht neu. Schon Karl Marx´ Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie beginnt mit ihrer Verabschiedung: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt“. Marx setzt allerdings fort „und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Dabei ist „Voraussetzung“ hier nicht nur im historischen Sinn zu verstehen. Kritik überhaupt gibt es nach der Kritik der Religion und sie ist ‚wie‘ die Kritik der Religion. Dabei treten Kritik und Religion in ein komplexes Verhältnis. Letztere ist selbst nicht einfach Gegenstand der Kritik, sondern so etwas wie ihr Vorläufer: Religion ist für Marx nicht nur „Opium des Volkes“, sondern auch „Seufzer der bedrängten Kreatur“. „Kritik der Religion“ ist damit nicht nur Kritik an der Religion, sondern auch Kritik der Religion am Elend. So entsteht ein komplexes Feld von Verschiebungen und Inversionen. In ihm situieren sich die verschiedenen Metaphern der Kritik: das Opium und der Seufzer, später der Fetischismus und die verkehrte Welt.
Die diesjährige Summer School Literatur und Religion nimmt dieses Feld zum Anlass, um über das Verhältnis von Religion und Literatur im Zeichen der Kritik nachzudenken. Wir laden junge ForscherInnen ein, ihre Projekte – Dissertationsvorhaben, Postdoc-Projekte und andere Ideen – in diesem Kreis gemeinsam zu diskutieren. Dabei soll vom doppelten Genitiv ausgegangen und eine Kritik an der Religion ebenso wie die Kritik durch die Religion thematisiert werden. Hier interessieren die rhetorischen Inversionen, Kontrapositionen, Metaphern und Narrative, mit denen Kritik gedacht und erzählt wird. Dabei ist davon auszugehen, dass das Verhältnis von Schein und Wirklichkeit, von Fiktion und Realität auch eminent etwas mit der Literatur zu tun hat oder umgekehrt: dass sich Literatur in der Konstellation von Religion und Kritik produktiv lesen lässt.

Teilnahme — für interessierte Nachwuchsforschende — nur nach Anmeldung per Email: florian.scheruebl@germanistik.uni-halle.de

PROGRAMM SUMMER SCHOOL LITERATUR UND RELIGION 2025: RELIGIONSKRITIK

Donnerstag, 11. September 2025

10:00 – 10.30: Begrüßung
10.30 – 11:30: Gemeinsame Lektüre: Karl Marx, Einleitung in die Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie
11:30 – 12:30: Nicolas Fink (Basel), Streitpunkte
12:30 – 13.30: Luise Henckel (Halle), Aufklärung und Verhängnis. Verhandlungen von Partikularität und Universalismus im Rahmen der ‚Judenfrage‘ im 19. Jahrhundert“
13.30 – 14.30: Mittagspause
14:30 – 15.30: Anne Ramin (Berlin), Laikale Wahrheitsansprüche. Apokryphe Konzeptionen in frühneuhochdeutschen Prosaerzählungen des 16. Jahrhunderts
15.30 – 16:30: Thomas Heubeck (Leipzig), Religionskritik in Walter Benjamins Kafka-Deutung

16:30 – 17:00: Kaffeepause

17:00 – 18.00: Gemeinsame Lektüre: Karl Barth, Der Römerbrief (1922)

Freitag, 12. September 2025

09:30 – 10.30: Isabell Meske (Hannover), Der gute Gott als leeres Konstrukt zwischen mystisch-biblischer Sprachform und im Passionsformat gesetzter Religionskritik nach 1945. Ingeborg Bachmanns Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“
10:30 – 11:30: Jan Andreas Hartmann (Berlin), Klaus Heinrichs „Der Staub und das Denken“. Was die Sophokleische Tragödie über das Bedürfnis nach Religionskritik verrät
11:30 – 12:00: Kaffeepause
12:00 – 13:00: Kilian Thomas (Leipzig), Konversion und Kritik
13:00 – 14:00: Mittagspause
14.00 – 15.00: Benjamin Schmid (München), „Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, und Fluch vor allem der Geduld!“ Dromologischer Kannibalismus als Nebenfolge von Religionskritik
16.00 – 16.00: Gemeinsame Lektüre: Georges Bataille, Theorie der Religion

Forschungsstipendium ‚Kritik im Widerstreit‘

Der geistes- und kulturwissenschaftliche Forschungsschwerpunkt Aufklärung – Religion – Wissen (ARW), der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angesiedelt ist, schreibt zum 1.10.2025 ein einjähriges Forschungsstipendium für Postdocs zum Thema ‚Kritik im Widerstreit‘ aus.

Der Forschungsschwerpunkt widmet sich der historischen Aufklärung und ihrem Fort- und Nachleben bis in die Gegenwart, deren Selbstverständnis durch eine Vielzahl von Vorstellungen und Begriffen geprägt ist, die auf die Aufklärung zurückgehen. Dazu gehört nicht zuletzt das Konzept der „Kritik“, das in der Aufklärung erstmals emphatisch formuliert wurde, lange das Selbstverständnis der Geistes- und Kulturwissenschaften prägte und aktuell wieder intensiv diskutiert wird – und zwar gerade in seinen politischen Implikationen. Denn Kritik ist immer zugleich eine Form der Wissensproduktion und eine politische Praxis – und in dieser Verbindung so zentral wie prekär mit dem demokratischen Zusammenleben verbunden. Die aktuell vielfach diskutierte Krise der Demokratie, so die Annahme des Schwerpunkts, ist daher auch eine Krise der Kritik und zugleich der richtige Moment, nach deren Form und Status zu fragen. In diesem Zusammenhang steht auch das hier ausgeschriebene Stipendium.

Wo steht Kritik heute, was vermag sie noch und wie muss man sie anders denken? Welche Praxisformen verbinden sich mit ihr, was bedeutet sie in verschiedenen Feldern – der Politik, der Kunst, der Öffentlichkeit –, wie verschiebt sie sich unter neuen medialen Bedingungen und welche politische Bedeutung hat sie dabei jeweils? Denn gerade heute steht die Kritik selbst in der Kritik: Sie sei elitär, erschöpft und überholt, verteidige partikulare Interessen und diene mehr der Selbstinszenierung als der Sache. Besonders beunruhigend erscheint dabei, dass kritische Argumente scheinbar problemlos von ihren Gegnern angeeignet werden: Heute werden im Namen der ‚Freiheit‘ Denkverbote, im Namen der ‚Gleichheit‘ Ausschlüsse und im Namen der ‚Kritik‘ fragwürdige Dogmen verkündet. Was bleibt von der Kritik, wenn man sie nicht ganz aufgeben will, aber den Glauben an eine „Kritik der kritischen Kritik“ (Marx) aufgegeben hat? Viele der Hintergrundannahmen der aufklärerischen Kritik scheinen nur noch bedingt tragbar: ihre Identifizierung mit der Vernunft, die Bezeichnung aller möglicher nicht nur intellektueller Tätigkeiten als Kritik, die selbstverständliche Voraussetzung, kritisches Denken und kritisches Handeln würden koinzidieren. Insbesondere ihre politischen Voraussetzungen und ihre reflexhafte Identifizierung mit der liberalen Demokratie und der deliberativen Öffentlichkeit erscheinen angesichts der Neigung zu Polemik, Hyperkritik und Skandalisierung fraglich. Was kann an deren Stelle treten, wie und wo werden die Grenzen und Möglichkeiten der Kritik verhandelt und welche neuen Formen der Kritik werden dabei entworfen?

Das Stipendium soll dazu dienen, gemeinsam mit anderen in ARW beteiligten Wissenschaftler*innen politische Figurationen der Kritik zwischen Vereinnahmung und Verabschiedung zu untersuchen und zu diskutieren. Bewerber*innen sollten ein wissenschaftliches (auf eine Aufsatzpublikation zielendes) Projekt vorschlagen und in diesem Rahmen eine wissenschaftliche Veranstaltung ausrichten und organisieren; auch begleitende Formate wie Lesungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Führungen etc. sind denkbar und im Rahmen von ARW-Mitteln finanzierbar.

Das Stipendium beträgt € 2.200,- monatlich, zzgl. evtl. Familienzuschläge. Ein Arbeitsplatz wird zur Verfügung gestellt; Sachmittel zur Durchführung o.g. Veranstaltungen oder Publikationen sind vorhanden. Die Ausschreibung erfolgt vorbehaltlich haushaltsrechtlicher Beschränkungen.

Eingeladen zur Bewerbung sind promovierte Wissenschaftler*innen aus den Geistes- und Kulturwissenschaften mit besonderem Interesse an politischer Theorie. Bitte reichen Sie Motivationsschreiben, Lebenslauf, Publikationsverzeichnis sowie ein kurzes Exposé von ca. drei Seiten ein, das Ihren Zugriff auf das Thema skizziert und eine mögliche Veranstaltung entwirft. Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung bis zum 28.6. an margitta.drosdziok@arw.uni-halle.de. Weitere Informationen bei robert.buch@arw.uni-halle.de.

«Zwangloser Zwang» oder literarische «Vernichtung»? Aufklärung, Öffentlichkeit, Polemik, 10.7.2025

Workshop am IZEA (Halle)
Organisiert von Demian Berger und Daniel Weidner

Bekanntlich situieren sich die Briefe, die neueste Literatur betreffend im Kontext des Siebenjährigen Krieges: Als Briefe an einen verwundeten Offizier vorgestellt, greifen sie selbst gerne zu bellizistischen Metaphern und inszenieren sich als «Streitgespräche» oder literarische «Feldzüge». Die literarische Öffentlichkeit, zu deren Entstehung sie entscheidend beitragen, changiert daher von vornherein zwischen einer angenommenen Allgemeinheit des Publikums – jetzt nicht mehr der gelehrten, sondern der gebildeten Welt – und den scharfen Grenzen und Ausschlüssen, die polemisch gezogen werden. Diese Spannung – gewissermaßen die Spannung von Vernunft und Gewalt – wird oft mit dem polemischen Geist Lessings assoziiert, reicht aber viel weiter. Schon sein Nachfolger Thomas Abbt setzt den kämpferischen Duktus der Literaturbriefe fort. Abbt, Professor für Philosophie und Mathematik, Schüler der Baumgarten-Brüder und Georg Friedrich Meiers, war mit einer patriotischen Kriegsschrift berühmt geworden und arbeitete später an einer allgemeinen Theorie des Publikums – und verkörperte gerade deshalb für Nicolais Organ die Idealbesetzung, auch als Polemiker. Mit den «ganz schlechten Schriftstellern», heißt es in einer von Abbts Rezensionen, werde er sich nicht abgeben, «aber unter den schlechten stehen noch die elenden; und wann einer von diesen (der Himmel gebe, dass es nur einer sey) etwas drucken lässt, und gerade so viele Leser erhält, als ihn bewegen kann, auch noch einen zweyten Theil zum Druck zu befördern; so verdient der Mann bemerkt zu werden, nicht um ihn zu bessern, sondern um seine Leser zu beschämen.“ Der Workshop nimmt die Konstellation der Literaturbriefe und den heute in der Forschung wenig beachteten Abbt im Besonderen zum Ausgangspunkt um nach der Rolle und Funktion der Polemik in der Konstitution aufklärerischer Öffentlichkeit zu fragen.

Programm
14-15:30
Demian Berger (Zürich): Zum Verhältnis von Aufklärung und Polemik. Am Beispiel der Literaturkritik Abbts
Jakob Heller (Halle): „Wenn unsere Weltweisen die Schuletiqutte vergessen“. Zum Verhältnis der Literaturbriefe zur universitären Kritik.

16-17:30
Oliver Grütter (Zürich): Kontroverser Ciceronianismus: Heinze, Abbt und Herder
Na Schädlich (Halle): Übungsgelände der Stilkritik. Wolf, Schopenhauer und Nietzsche über Polemik in der deutschen Spätaufklärung

18:00-19:00
Daniel Weidner: Federkriege, Kritik und Polemik im Rahmen der ‚aufgeklärten Öffentlichkeit‘
Abschlussdiskussion

Zukunftsorte, 24.6.2025

Workshop, organisiert von Christian Drobe
Georg Forster Haus, Emil Abderhalden Str. 7a
Im Rahmen der Seminarreihe „Imaginationen der Zukunft“

 Die ‚Zukunft‘ wie wir sie heute kennen, begann sich als Kategorie seit dem späten 18. Jahrhundert konzeptionell auszudifferenzieren. Kosellecks Diagnose der Kollektivsingulare trifft auch hier zu und ermöglicht eine Untersuchung der verschiedenen geschichtsphilosophischen Konzepte, die seither den Begriff füllen. Diese Vorstellungen sollen im Workshop in Schwerpunkt in Richtung einer Topographie verschoben werden: Auch Zukünfte sollen ortsgebunden und spezifisch gedacht werden.

Die Idee der Zukunftsorte lehnt sich an Pierre Noras Konzept der Erinnerungsorte an und greift auf Überlegungen von Alexander Geppert und Tilman Siebeneicher zurück. Sie bezeichnet zunächst konkrete Orte die sich im Alltag der Menschen manifestierten und der gleichzeitig imaginative Räume eröffneten, in denen Zukunft ausgehandelt wird und wurde. Dabei scheinen sie im Gegensatz zu Erinnerungsorten zunächst eher physisch konkret und nicht metaphorisch zu funktionieren Aber sie legen auch eine sinnliche Begegnung mit der Zeit und der Zukunft nahe. An ihnen kreuzen sich Zukunftsvorstellungen mit technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen, beide materialisieren sich in Räumen und Objekten, und sie haben selbst wieder eine Geschichte und werden zu Orten vergangener Zukunft. Zukunftsorte sind in diesem Sinne Orte des Zukunft-Machens, an denen die Zukunft als Ergebnis zutage tritt und an denen weitere Aushandlungen von Zukunft initiiert werden können.

Programm

14:00 Uhr Begrüßung NN

14:15 Uhr

Stefan Willer: „Aussicht, Übung, Divination. Zukunftskonzepte bei Schleiermacher“

15:00 Uhr

Rüdiger Graf: „Krise, Sicherheit und Risiko. Zur Topologie zentraler Zukunftsbegriffe im 20. und 21. Jahrhundert“

15:45 Uhr: Kaffeepause

16:15 Uhr

Lucian Hölscher: „Präsentische Zukunftsbegriffe der letzten Jahrzehnte“

17:00 Uhr

Abschlussdiskussion & Fragenkatalog

18:30 Uhr: Gemeinsames Abendessen

CfP: Forum Literatur und Religion Kritik der Religion. Literatur als Medium der Religionskritik, 11.-12. September 2025

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Organisiert von Florian Scherübl und Daniel Weidner

Religionskritik ist heute ein wenig aus der Mode gekommen – und das ist nicht neu. Schon Karl Marx´ Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie beginnt mit ihrer Verabschiedung: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt“. Marx setzt allerdings fort „und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Dabei ist „Voraussetzung“ hier nicht nur im historischen Sinn zu verstehen. Kritik überhaupt gibt es nach der Kritik der Religion und sie ist ‚wie‘ die Kritik der Religion. Dabei treten Kritik und Religion in ein komplexes Verhältnis. Letztere ist selbst nicht einfach Gegenstand der Kritik, sondern so etwas wie ihr Vorläufer: Religion ist für Marx nicht nur „Opium des Volkes“, sondern auch „Seufzer der bedrängten Kreatur“. „Kritik der Religion“ ist damit nicht nur Kritik an der Religion, sondern auch Kritik der Religion am Elend. So entsteht ein komplexes Feld von Verschiebungen und Inversionen. In ihm situieren sich die verschiedenen Metaphern der Kritik: das Opium und der Seufzer, später der Fetischismus und die verkehrte Welt.

Die diesjährige Summer School Literatur und Religion nimmt dieses Feld zum Anlass, um über das Verhältnis von Religion und Literatur im Zeichen der Kritik nachzudenken. Wir laden junge ForscherInnen ein, ihre Projekte – Dissertationsvorhaben, Postdoc-Projekte und andere Ideen – in diesem Kreis gemeinsam zu diskutieren. Dabei soll vom doppelten Genitiv ausgegangen und eine Kritik an der Religion ebenso wie die Kritik durch die Religion thematisiert werden. Hier interessieren die rhetorischen Inversionen, Kontrapositionen, Metaphern und Narrative, mit denen Kritik gedacht und erzählt wird. Dabei ist davon auszugehen, dass das Verhältnis von Schein und Wirklichkeit, von Fiktion und Realität auch eminent etwas mit der Literatur zu tun hat oder umgekehrt: dass sich Literatur in der Konstellation von Religion und Kritik produktiv lesen lässt. Dass Religionskritik Sache der Literatur sein kann, mit Stil- und Formfragen zusammenfällt und gar zum Medium von Religionskritik werden kann, deutet Ende des 19. Jahrhunderts jedenfalls Friedrich Nietzsches Diktum aus der Götzen-Dämmerung an: „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben…“

Tatsächlich hatten literarische Texte und Praktiken schon immer etwas mit der Kritik der Religion zu tun. Karnevalistische Parodien religiöser Texte und Rituale begleiten diese immer schon und stehen neben religiös grundierten Satiren der Narrheit der verkehrten Welt oder neben Narrativen wie dem Exodus oder der kommenden Erlösung, an die eine Kritik der bestehenden Verhältnisse anschließen kann. Im Welttheater verbinden sich nicht nur Ritual und Spiel, sondern ihre reflexive Verdoppelung kann auch Distanz zur Religion oder zum Theater erzeugen. Und gerade in der Neuzeit wandert eine einmal religiös motivierte Idolatrie-Kritik dann auch in die Poetik ein und verkompliziert diese durch die Zweifel an der Mimesis, durch mystische Impulse, durch allegorische Verrätselung oder umgekehrt durch die kalkulierte Exuberanz der Bilder und Worte. Spätestens mit der Aufklärung verdoppelt sich dabei auch die Kritik an der Religion in eine Kritik am Aberglauben einerseits, der die Zeichen für die Sache nimmt, am Enthusiasmus andererseits, der ganz auf Zeichen verzichten will – und es versteht sich, dass beide Kritiken und erst recht ihre Verbindung zu komplexen semiotischen und ästhetischen Reflexionen führen.

Mit der modernen Literatur werden dann auch Begriff und Konzept der ‚Kritik‘ zentral für das Literatursystem – mit auffälliger Nähe zur Religion, sind doch die kritischen Kontroversen bei Lessing, Heine und sogar noch Karl Kraus oft auch religiöse Kontroversen. Auch neu entstehende Formen lassen sich im Spannungsfeld der Kritik der Religion lesen. Der Bildungsroman enthält fast immer auch eine religiöse – oder antireligiöse – Entwicklungsgeschichte; das historische Erzählen wie auch das Drama greifen breit auf religiöse Stoffe zurück und unterziehen diese teilweise der Kritik oder nutzen sie auch dazu, die Gegenwart zu kritisieren wie bei Hebbel, Droste-Hülshoff oder Hofmannsthal; die Lyrik schafft ihre eigenen Epiphanien, so bei Benn, Rilke oder Baudelaire, und positioniert sich damit auf unterschiedliche Weisen zur Religion wie zur Kritik. Für manche wird die Dichtung selber zu einer Art Religion mit allem, was dazugehört: dem Dienst am Wort und der Verkündigung, der frommen Andacht und der Sektenbildung wie etwa im George-Kreis.

Ein literarisch geschulter Blick erlaubt so auch, die Geschichte der Religionskritik neu zu lesen. Das betrifft etwa die komplexen Schreibweisen dieser Kritik: das Spiel mit den Masken, aber auch die Rhetoriken der Selbstermächtigung, die mit ihr einhergehen sowie der Konstruktion von Traditionen, die ihre eigenen Mythen und Heroen haben. Überdeterminiert ist diese Geschichte auch dadurch, dass das Konzept der Religion selbst ein kritisches ist: Es entsteht in der Aufklärung aus der Kritik an kirchlichen und konfessionellen Partikularismen, ist aber vielleicht nicht so neutral und interesselos wie es scheint. Noch der Tod Gottes, wie Hegel und Nietzsche von ihm sprechen, ist eine christliche Figur, die keineswegs neutral ist, und jüngst betonen eine postsäkulare Kritik oder Dekonstruktionen des Monotheismus, dass auch die Unterscheidung von Religiösem und Säkularem, mit der die Religionskritik operiert, eine westliche hegemoniale Konstruktion ist. Welche Rhetoriken, Bilder und Narrative in diesen Diskursen entwickelt worden sind und wie sich diese in literarische Texte einschreiben, ist ein wichtiges Thema unseres Forums.

Aber auch die Kritik durch die Religion ist oft literarisch interessant und bringt rhetorisch wirksame Bußpredigten ebenso hervor die Reflexionen über die ‚Dialektik‘ religiöser Mitteilung. Auch lässt sich das oben erwähnte rhetorische Feld der Kritik – das ja selbst, bei Feuerbach, zu weiten Teilen der Inversion der lutherischen Theologie entstammte –, auch weiter hochschrauben zu einer radikalen theologischen Religionskritik, die sich nun gegen das ‚bürgerliche‘ Verständnis von Religion richtet, das sie selbst zum „Unglauben“ erklärt, zum „Gipfel der Humanität – im bedrohlichen Doppelsinn des Wortes“ (Karl Barth). Schon bei Marx und dann wieder in den verschiedenen kritischen Theorien des 20. Jahrhunderts wird diese Metakritik dann auch gegen die Kultur als solche in Anschlag gebracht wird – man denke etwa an Paul Tillichs Theologie der Kultur, an den frühen Siegfried Kracauer oder an Walter Benjamins und Theodor W. Adornos Hinweise auf das Messianische. Wenn die Religion, so Feuerbach, der „Traum“ des menschlichen Geistes ist, dann kann man vielleicht die Phantasmagorien der Spätmoderne ebenfalls nur verstehen, wenn man sie religiös betrachtet und religiös kritisiert.

Von hier aus lässt sich die Frage nach der Kritik der Religion auch umdrehen und nach der Religion der Kritik fragen: Was glaubt eigentlich die Kritikerin, woraus speist sich der Fanatismus des Kritikers? Gehören sie zu einer oder gar zu zwei Sekten? Welche Affekte und gegebenenfalls Ressentiments treiben die Kritik an, Aggression oder Abwehr, Gerechtigkeit oder Wille zur Macht, Mistrauen, Unbehagen? Welche Sprechpositionen werden dabei eingenommen und was macht das jeweils möglich? Bleibt die Kritik das Credo der Moderne oder hat sich mit der Religion auch die Kritik erledigt und ist nun missionslos, nur noch Gespenst ihrer selbst? Und wenn sich aktuell die Zeichen mehren, dass die Kritik ihren Glauben an sich verloren hat, wie Bruno Latour nahelegte: Was folgt darauf?
In der Summer School werden wir zwei Tage gemeinsam in intensiver Diskussion verbringen. Wir lesen einige vorher zirkulierte Texte aus dem Bereich der Kritik der Religion. Der Schwerpunkt besteht in der Diskussion der eingereichten Forschungsprojekte in einer kritischen, aber wertschätzenden und konstruktiven Atmosphäre.

Interessierte junge ForscherInnen sind eingeladen, Exposés ihrer Forschungsprojekte (ca. 5 Seiten) und/oder ein Vortragsabstract (ca. 2 Seiten) einzureichen. Bitte schicken Sie Ihr Exposé oder Abstract sowie ein CV oder ein paar Zeilen zu Ihrem akademischen Werdegang bis zum 17.5. an florian.scheruebl@germanistik.uni-halle.de. Die Auswahl der TeilnehmerInnen erfolgt bis Ende Mai.
Die Kosten für die (innerdeutsche) Reise sowie den Aufenthalt werden erstattet. Bei Interesse kann der Beitrag in einem gemeinsamen Band oder Heftschwerpunkt veröffentlicht werden.

Christian Drobe, Postdoc ARW: Vortrag „Die Zukunft der Industriefotografie? Offene Fragen und Möglichkeiten“

13. April 2025, Halloren- und Salinemuseum, Halle

J Henry Fair: 3814-001, Stadt direkt am Braunkohletagebau Jüchen, Deutschland, 29.04.2010 https://www.instagram.com/jhenryfair/

Vortrag zum Tag der Industriekultur in Sachsen-Anhalt im Rahmen der Ausstellungspräsentation ‚Nach den Maschinen. Industriefotografie aus Sachsen-Anhalt‘ in der Saline.
Der Tag der Industriekultur verbindet ein ganzes Land im Zeichen der Industrie. Vielfältige Orte, Personen und Ereignisse werden am Tag der Industriekultur im ganzen Land präsentiert. Die Saline in Halle ist dabei ein wichtiger historischer Knotenpunkt für die städtische Industrie und neuer Zukunftsort für museale Präsentationen und den Austausch mit der Stadtgesellschaft. Die hier zuletzt ausgestellte Industriefotografie kann als wichtiges Medium kultureller Repräsentation gelten und lädt zu weiteren Reflexionen und einem Blick in die Zukunft ein.

Im Streit verstrickt. Schauplätze, Streitweisen und Affektpolitiken aktueller Konflikte

Workshop, 21.-22. November 2024
Ort: Seminarraum, IZP, Franckesche Stiftungen, Haus 24, EG. Franckeplatz 1, 06110 Halle (Saale)

Wir leben, so scheint es, in einer Zeit der Eskalationen. Fast im Tagesrhythmus brechen neue Konflikte auf, denen man sich schwer entziehen kann: von eher klassischen Verteilungs- und Interessenkonflikten zu Deutungskonflikten, die in immer weitere Bereiche ausgreifen und oft als „Kulturkämpfe“ zum Zeichen einer neuen Zeit erklärt werden. Denn diese Kämpfe verstricken auch eigentlich Unbeteiligte und zwingen zu Parteilichkeit. Vermittlung scheint vergeblich, die Antagonismen unauflösbar: es herrscht ,deadlock‘ zwischen unversöhnlichen Positionen. Die Vehemenz unserer aktuellen Kulturkämpfe erzeugt Faszination und Unbehagen. Ihre Polarisierungen versprechen Ordnung in die ehemalige ,neue Unübersichtlichkeit‘ zu bringen, aber sie produzieren zugleich Unruhe und scheinen einer Dynamik zu folgen, deren Effekte sich nur ungefähr übersehen lassen.

Die neuen Streitformen affizieren auch die Kulturwissenschaften. Sie sind betroffen sowohl als Zielscheibe kulturkämpferischer Diffamierung – unter Titeln wie cancel culture, identity politics oder cultural marxism – als auch, in ihrem aktivistischen Flügel, als Akteure im Konflikt, ob im Namen beispielsweise der postcolonial studies oder der environmental humanities. Aber auch der Kulturbegriff selbst ist betroffen. Denn statt als dynamischer Prozess des Austausches, der Verhandlungen und Hybridität erscheint Kultur als Kampfplatz, als Feld agonaler Energien, und steht im Zeichen von Konfrontation und Polemik. Der Workshop, zu dem wir einladen, möchte diskutieren, was die Kulturwissenschaften zum Verständnis dieser Eskalationslogik beitragen können: ihrer Orte und Schauplätze, ihrer Modi und Formen sowie schließlich der ihr zugrundeliegenden Affektpolitiken.

Schauplätze

Sind Kulturkämpfe Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Kulturen oder geht es um die Klärung der Frage nach dem, was eine Gesellschaft als ,ihre‘ Kultur behauptet, was und wer dazugehört und was und wer nicht? Prominentes Beispiel dafür ist der Streit um ,den‘ Islam in vielen westlichen Gesellschaften, der weniger mit dessen Vertretern, sondern größtenteils innerhalb der Mehrheitsgesellschaft geführt wird, in einer Art Selbstgespräch also, das sich im Prinzip um die Frage nach dem Ort der Religion in der Moderne dreht. Auch ein vergleichender Blick drängt sich auf, etwa auf die vielleicht frappierendste gesellschaftliche Polarisierung unserer Tage in den USA. Warum dort? Was bedingt die Virulenz der zwischen den zwei Visionen der Vereinigten Staaten von Amerika geführten Auseinandersetzungen? Inwiefern sind sie paradigmatisch für culture wars in anderen Weltgegenden? Oder sind Kulturkämpfe nicht vielmehr nur historisch und lokal zu verorten und zu verstehen?

Streitweisen

Der Blick auf einige der prominentesten Eskalationsherde unserer Gegenwart wirft Fragen nach Mustern und Typen auf. Gibt es ein Modell – etwa das US-amerikanische Paradigma – oder verschiedene Muster? Wäre es möglich, eine Typologie solcher Konflikte zu entwickeln? Gibt es eine den Antagonismen und ihrer Polemik zugrundeliegende Grammatik und wenn ja, wie ließe sie sich beschreiben? Mit welchen Narrativen arbeiten die kulturkämpferischen Diskurse? Von wo wird gesprochen und in wessen Namen? Mit welche Selbstautorisierungen operieren die Kulturkampf-Skripte? Welche Setzungen und Zuschreibungen werden vorgenommen und welche Ausblendungen und Verkürzungen gehen damit einher? Wer wird eigentlich adressiert und wie? Welche Gegnerschaften und Bündnisse werden konstruiert? Wie enden Kulturkämpfe: mit Erschöpfung, Versöhnung, Umlenkung?

Affektpolitiken

Ideologiekritische Aufklärung über die ,Irrtümer‘ der Streitenden und ihre ‚wahren‘ Motive scheinen heute nicht mehr auszureichen, weil es zunehmend unklar ist, ob sich die Antagonismen auf materielle Interessen zurückführen und so irgendwie befried(ig)en lassen. Die so unversöhnlichen und unvermittelbaren Ansprüche, die in diesen Konflikten aufeinandertreffen, sind ohne Einbeziehung der Affekte, die in ihnen wirksam sind, kaum angemessen zu erfassen. Das Spektrum der dabei gezogenen affektiven Register reicht vom Pathos der gerechten Sache und ihrer endgültigen Durchsetzung zum Ressentiment der Gekränkten und Erniedrigten, das schon Nietzsche als zentrale Ressource politischer Mobilisierung erkannt hat. Wir erleben, so scheint es, die Rückkehr politischer Leidenschaften, erhabener wie niederer, von Empörung über Zorn zu Fanatismus, auf die Bühne der Öffentlichkeit, verstärkt und gesteigert durch die sozialen Medien. Aber der eruptive und gewaltsame Charakter ihrer Wiederkehr sollte nicht über den Anteil von Inszenierung und Kalkül hinwegtäuschen, die dabei mit im Spiel sind und deren Logik oder Rationalität näher zu beschreiben wären.

Nach einer Tagung über den historischen Kulturkampf des 19. Jahrhunderts, die 2021 an der Katholischen Akademie in Berlin stattfand und deren Ergebnisse kürzlich als Band erschienen sind, sowie einer zweiten Tagung, die wir im Januar dieses Jahres im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Aufklärung – Religion – Wissen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg organisiert haben, soll die dritte Veranstaltung zum Thema, eine Tagung an der Universität Halle, die gegenwärtigen Eskalationsdynamiken aus verschiedenen disziplinären Perspektiven in den Blick nehmen und dabei zugleich auch als methodische Herausforderung reflektieren.

PROGRAMM

Donnerstag, 21.11.2024

13.00 Begrüßung und Einleitung

13.30-15.30

Prof. Dr. Magdalena Marszalek, Potsdam: Die Unfähigkeit zu streiten. Streitkultur und gesellschaftliche Polarisierung

Dr. Julia Nitz, Halle: Kulturkampf in den USA: Muster und Dynamiken in historischer Perspektive

15.30-16.00 Pause

16.00-18.00

Dr. Aletta Diefenbach, Berlin: Affektpolitiken der duldenden Toleranz und der eigenen kulturellen Vielfalt. Wie die Neue Rechte über Religion streitet

Prof. Dr. Jörg Dierken, Halle: Sakralisierter Moralismus

18.00-18.30 Pause

18.30-19.30

Prof. Dr. Niels Werber, Siegen: Populäre Konflikte

Freitag 22.11.2024

9.00-11.00

Prof. Dr. Jürgen Brokoff, Berlin: Ressentiment und die Figur des (kämpfenden) Außenseiters: Botho Strauß

Neela Janssen, Wien/Halle: Feuilletonistischer Aufreger oder identitätspolitisches Sprachrohr? Simon Strauß‘ Debüt Sieben Nächte

11.00-11.30 Kaffeepause

11.30-13.30

Dr. Johannes Franzen, Siegen: Der vergiftete Paratext. Die Person des Künstlers als kontroverser Störfaktor

Dr. Johanna-Charlotte Horst, Halle: #tradwife. Kritik einer Lebensform

Große und kleine Zukünfte. Gespräch und Lesung, Literaturhaus Halle

4. November 2024, 19 Uhr

Die Autorin Verena Keßler und der Literaturwissenschaftler Stefan Willer diskutieren, wie das ‚kleine Leben‘ weitergehen kann, wenn die Frage des Weiterlebens im Großen und Ganzen zur Debatte steht. In ihrem Roman Eva (Hanser, 2023) verbindet Verena Keßler auf erzählerisch komplexe Weise Fragen von Mutterschaft mit solchen nach allgemeinen Zukunftsängsten. Dabei gelingt es ihr, „die unerträgliche Gleichzeitigkeit von Apokalypse und Nachwuchs in wunderbare Literatur“ zu verwandeln (Marlene Knobloch, Süddeutsche Zeitung).

Die Veranstaltung ist Teil des Projektes „Imaginationen der Zukunft“ – eine Kooperation der Stadt Halle und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, gefördert vom Stifterverband der deutschen Wissenschaft.