19.-21.11. 2026
Jahrestagung des Forschungsschwerpunkts „Aufklärung – Religion – Wissen“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Organisiert von Yvonne Kleinmann und Olaf Peters
Kritik erscheint in vielerlei Gestalt und geht oft über rein sprachliche Formen hinaus. Sie wird geübt und eingefordert, manchmal aber auch zurückgehalten oder nur indirekt geäußert. Sie schafft, abhängig von Zeit und Raum, eigene Formen des Auftritts und spezifische Modi der Erscheinung – etwa signalhaft eröffnend oder ritualhaft erstarrt. Sie besitzt einen gestaltenden, praktischen und performativen Charakter, der sich in konkreten, etwa abweichenden oder übertriebenen Handlungen äußert. Kritik hat auch eine temporale Dimension: Sie entsteht, bringt gegenwärtige normative Vorstellungen zum Ausdruck und verweist visionär auf Zukünftiges. Sie kann verebben und wiederkehren, sie braucht Zeit, sich zu artikulieren und zu entfalten. Und nicht zuletzt: Kritik konfrontiert ein Gegenüber und wirkt besonders vor Publikum.
Gegenstand unserer Tagung sind die differenzierten Praktiken, Spielarten und Kipppunkte performativer Kritik, die den Körper und alle Sinne umfasst. Im Mittelpunkt stehen ihre unterschiedlichen geplanten oder auch spontanen Ausdrucksformen: Wie werden Kritik und Protest bildlich und körperlich geäußert? Welche Öffentlichkeit adressiert sie? Gegen welche Institutionen und Routinen wendet sie sich? Welche Form der Autorität beansprucht sie und welche stellt sie in Frage? Wie unterscheiden sich ihre Formen abhängig vom zeitlichen und räumlichen Kontext? Wie variiert sie abhängig von den jeweiligen soziopolitischen Bedingungen? Welche Symbole und Codes verwenden ihre Akteur:innen, und wie weit reicht ihre Verständlichkeit? Um welche Dimensionen erweitert Performativität die textuelle Kritik und inwieweit besteht ein Spannungsverhältnis zwischen ihnen?
Kaum irgendwo manifestiert sich der „revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts“ (Karl Löwith) so deutlich, wie in von 1838 bis 1843 erscheinenden „Hallischen Jahrbüchern“. Die von Theodor Echtermeyer und Arnold Ruge herausgebende Zeitschrift war nicht nur das Forum des sich radikalisierenden Linkshegelianismus, sondern machte auch selbst einen radikalen Wandel durch. Zunächst gegründet als literarisch-universitäres Medium für – so der Untertitel – „Kritiken, Charakteristiken und Übersichten“ entwickelt sich die Zeitschrift schnell zum Sprachrohr von immer radikaleren und immer lauteren Forderungen nach einer Veränderung der Verhältnisse. Über die Grenzen von Philosophie, Theologie, Politik und Publizistik hinweg etabliert sich eine neue Form von publizistischer Kritik und ein neuer Typ des Autors: Aus dem „Priester des Absoluten“, dem verbeamteten Staatsphilosophen, wird der – und die [!] – freischwebende Intellektuelle, aus der philosophischen Theorie die politische und schließlich revolutionäre Praxis, aus dem wissenschaftlichen Jahrbuch das Organ einer Gegenöffentlichkeit und der „Kritik“ in einem Sinn, der wohl kaum je so emphatisch gedacht und verkündet wurde wie hier. Der Workshop nimmt die Jahrbücher zum Anlass, die besondere Dynamik dieses Schreibens an Fallstudien zu untersuchen und dabei insbesondere auch das spezifische Medium der Zeitschrift ernst zu nehmen.